Kreisverband Frankfurt

Stadtplanung im Nordwesten in der Natur erfahren

27. Oktober 2020 | OV-Nord, Kreisverband Frankfurt/Main

Die Rechenanlage des Steinbachs vor dem Praunheimer Weg  (WR Hansen)

Elf „Quartiersrundgänge“ für 60 Bürger haben wir in diesem Sommer im Frankfurter Nordwesten durchgeführt. Die Bezeichnung spiegelt den Begriff „Stadtteil der Quartiere“ wider, eine Kreation des Consiliums für das in Vorplanung befindliche Bauvorhaben für über 30.000 Neubürger - auf einer Fläche von 180 Hektar beiderseits der Autobahn A5. Auf der ca. sieben Kilometer langen Wegstrecke erläutern wir den Bürgern den Planungsstand und die Vorstudien der Architekten. Selbst über das Bauvorhaben gut informierte Bürger sind beeindruckt, denn in der Flur lernen sie viel mehr über Details und Hindernisse der Planung als bei Saal-Diskussionen oder aus der Zeitung.

Der Startpunkt liegt im Angesicht zweier Bausünden in Praunheim: Einerseits die achtstöckige Senioren-Wohnanlage am Praunheimer Weg, die wie eine Frischluftsperre quer in das Steinbachtal hineingebaut wurde. Eine Bewohnerin schilderte uns einmal anschaulich, was hier bei Starkregen passiert. Dann wird der Steinbach zum Sturzbach und passt nicht mehr durch das Rohr unter dem Praunheimer Weg. Die Bewohner in Parterre wurden schon wegen Hochwasser nach Bad Orb ausquartiert. Andererseits das Hochhaus am Stockborn, das nach über 20 Jahren Leerstand abgerissen wird. Endlich Platz für neue Wohnungen. Warum aber dauert das so lange?

Ehe es aufs Feld geht und sich der Blick auf die Flur im Nordwesten öffnet, passieren wir die Rechenanlage des Steinbachs vor dem Rohr unter dem Praunheimer Weg. Hier liefe das gesamte Oberflächenwasser des zukünftigen Baugebietes – 180 Hektar! - trichterförmig zusammen. Konsequenz: Noch häufiger nasse Füße für Senioren? Entlang der Steinbachaue können die Teilnehmer wahrnehmen, was auf Flurkarten nicht auffällt: die Topologie des Geländes, Erhebungen und Abhänge mit wechselnden Gefällerichtungen. Nach Starkregen sieht man deutlich, dass es von den Feldern keine Wasserrinnsale in Richtung Steinbach gibt. Warum? Weil dieser Lehmlössboden das komplette Wasser aufsaugt. Das ist gut fürs Grundwasser und für die Ernteerträge der Landwirte. Jedoch, wenn diese Flächen bebaut – also versiegelt - werden, dann verlieren die Bauern ihre Existenzgrundlage und die Versickerung hört auf. Folge: Weniger Eintrag ins Grundwasser, weniger Pumpleistung im Wasserwerk Praunheim und öfter Hochwasser im Steinbach.

Dem meist wasserlosen Steinbach folgend passieren wir ein weiteres Hochhaus, auch eine zwanzigjährige Leerstandsünde. Es entsteht ein beklemmendes Gefühl: Auf der einen Seite die drohende Versiegelung wertvoller Ackerflächen für neue Wohnungen, auf der anderen Seite jahrzehntelanger Leerstand.

Vor der Autobahn kommen uns unsäglicher Verkehrslärm und Schwaden schlechter Luft entgegen. Teilstücke eines Lärmschutzwalls, dessen Planung noch aus der Gründungszeit der Nordweststadt herrührt, stehen bereits. Mitten im Gelände ist noch eine Lücke. Die Autobahn verläuft dort auf einem ca. sechs Meter hohen Wall über die Unterführung des Weges nach Steinbach. Wenn dort der Lärmschutzwall durchgezogen wird, dann wird er in der Mitte ca. elf Meter hoch sein. Würde noch der neue Stadtteil gebaut, dann müsste er auf 17 Meter erhöht werden. Das ergäbe eine Talsperre gegen die Kaltluft. Sie entsteht besonders in heißen Sommernächten auf den Feldern und kühlt die Vororte Niederursel, Nordweststadt, Heddernheim und Praunheim. Ohne sie würden hier die Sommernächte noch heißer.

Weitere Themen sind die Höchstspannungsleitung, die das Gelände mittig quert, die zahlreichen Gehölze und Blühfelder, die für Artenerhaltung und Artenaustauch bedeutsam sind, sowie die Kartoffeläcker der Bürger auf dem Geiersberg. Von dem etwa dreieinhalbstündigen Rundgang kommen die Teilnehmer meist erschöpft zurück – nicht wegen der Länge der Strecke, sondern ob der vielen Sachverhalte, die ihnen bisher in der Zeitung oder in Saaldiskussionen entgangen waren. Im Frühjahr werden wir die Quartiersrundgänge fortsetzen. Kommen Sie mit.

Wolf-Rüdiger Hansen, BUND Frankfurt

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