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Pflasterritzengesellschaften – ein botanischer Spaziergang

27. Juli 2022 | Biodiversität, BUND, Klimawandel, Böden

Krautschau 2022_3  (Folkhart Funk)

Eine kleine Gruppe von Menschen zieht am heißen Nachmittag des 8. Juli 2022 am Merianplatz die Aufmerksamkeit der Caféhausbesucher und Passanten auf sich. Gebückt, aufmerksam suchend schreiten sie das Pflaster ab. Kniend fotografieren sie mit ihren Smartphones winzige Pflanzen, andere führen Tabellen, wieder andere schreiben mit bunter Kreide die gerade bestimmten Pflanzennamen auf das Pflaster.

Die Krautschau – Vielfalt zum Niederknien. Unter diesem Titel haben das Senckenberg Institut und der BUND Frankfurt (in seiner Reihe Klima-Spaziergänge) zu einer botanischen Exkursion eingeladen. Zu Beginn führt Julia Krohmer vom Senckenberg Institut in einem mitreißenden Vortrag in die Entstehung der Krautschauen und die botanischen Grundlagen dieser Pflasterritzengesellschaften ein.

Art des Pflasters (Granit, Basalt, Beton), der Untergrund, die Größe der Fugen, Sonneneinstrahlung und Schatten, Wasserversorgung – alles das spielt eine Rolle für die Ansiedelung und das Überleben der Pflanzen. Und natürlich der Publikumsverkehr: das niederliegende Mastkraut z.B. ist nicht trittfest, wächst aber in den kleinsten Ritzen, millimeterhoch. So klein diese Pflanzen sind, sie kommen überall vor und in ihrer Gesamtheit tragen sie zur Bodendurchlüftung, zur Wasseraufnahme im Boden und zum Mikroklima bei. Mit Begeisterung vertiefen sich die Teilnehmer*Innen in die Suche. Kahles Bruchkraut, Breitwegerich –Namen in bunter Kreide auf dem Pflaster. Auf einer Baumscheibe im Schotter die Mäusegerste, die stetigem Hunde-Urin standhält. Eine Binsenart (!) findet sich im basalt-gepflasterten Rinnstein. Anderswo wachsen mit Braunelle, Gartenwolfsmilch, Franzosenkraut oder Wiesenlabkraut typische Garten- oder Wiesenkräuter. Und in der Nähe des Luisenplatzes findet sich auf einer Baumscheibe ein Vorkommen des Steppensalbeis, wahrscheinlich ein Flüchtling aus einer ehemaligen Anpflanzung am Luisenplatz. Am Ende sind es fast 50 Arten, die in gut eineinhalb Stunden auf etwa 200 Metern zusammenkommen. Auch Neophyten sind darunter und es ist wieder eine knappe, verblüffende Information der Botanikerin, dass sich diese Pflasterritzengesellschaften in den Großstädten weltweit angleichen.

Es sei jedem Leser empfohlen, sich einmal selbst auf die Suche zu begeben. Ein Smartphone, eine App (z.B. Flora incognita) und etwas Geduld öffnen den Blick für die bewundernswerten Leistungen dieser lange missachteten und getretenen Pflanzen. Unbedingt empfehlen kann man auch die Teilnahme an einer nächsten Krautschau von Julia Krohmer.

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